Bestattungskultur
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Melchior SchrammEditor

Himmelsbestattung bei den Parsen Teil 02 - Keine Bestattung ohne Bestatter

Der Untergang der indischen Geierpopulation traf die Parsen ins Mark, sie verursacht ernsthafte Konflikte mit der hinduistischen Bevölkerungsmehrheit und bedroht damit das Fortbestehen ihrer kulturellen Identität:

Der Ausfall der Geier hatte zur Folge, dass die Leichname der Parsen nicht - wie zuvor - binnen weniger Stunden und damit vor dem Einsetzen hygienisch relevanter Zersetzungsprozesse und der damit einhergehenden Geruchsentstehung vollständig dekarniert und damit in jeder Hinsicht harmlos waren, sondern teils über Wochen und Monate auf den Türmen des Schweigens verwesten.

Dabei ist besonders problematisch, dass das Areal der Malabar Hills, wo sich Mumbai’s Türme des Schweigens befinden, nicht mehr wie bei ihrer Anlage vor hunderten Jahren von Tigern und Hyänen bevölkert werden, sondern von den Schönen und Reichen Mumbais.

Malabar Hill in Indien, Ort der Türme des Schweigens der Parsen Malabar Hills um 1865

Malabar Hill Bombay Zeichnung eines Turm des Schweigens auf den Malabar Hills

Das einstmals weit außerhalb Mumbais befindliche Areal wurde von der rasant wachsenden Megapolis schlicht geschluckt. Malabar ist heute einer der teuersten und gefragtesten Stadtteile mit exklusivsten Adressen in unmittelbarer Nähe zu der kleinen bewaldeten Fläche, welche die Türme des Schweigens umgibt.

Tower of Silence verlassen mumbai Fotos eines heute verlassenen Turm des Schweigens in Malabar

Doch nicht nur über Verwesungsgeruch klagten die betroffenen Anwohner; die Entwicklung hielt noch weitere “Überraschungen” für sie parat. Denn die Krähen, die bereitwillig versuchten, die angestammte Aufgabe der Geier zu übernehmen, erwiesen sich schnell als überfordert. Anders als Geier nehmen sie sich ihrer Kundschaft nicht an Ort und Stelle an, sondern versuchten, sie stückweise und im Schnabel abzutransportieren. Oft genug geht das schief - nicht selten ausgerechnet beim Überfliegen belebter Plätze, exklusiver (Dach-)Terrassen oder Gärten - und die teure Fracht entgleitet den ungeübten Schnäbeln...

Inzwischen ist die Verabreichung von Diclofenac an Rinder in Indien verboten, und es wurden millionenteure Wiederaufzuchtprogramme für die fast vollständig ausgerotteten Aasgeiern aufgelegt. Doch die Erfolgsaussichten bleiben zweifelhaft.

Nicht nur, dass Diclofenac hoch wirksam ist, es ist auch extrem billig - billiger als sämtliche alternativen Wirkstoffe wie etwa Meloxicam, welches für die Geier unschädlich ist. Die Beliebtheit von Diclofenac bei den Farmern ist also ungebrochen, und es wird weiterhin illegal eingesetzt. Zudem waren auch verschiedene interne Querelen der Parsen-Community dem Erfolg des Geier-Aufzuchtprogramms nicht gerade zuträglich, so dass der Erfolg der Initiative “SAVE” (für Save Asia’s Vulture’s from Extinction) weiterhin unsicher bleibt.

Und selbst für den Erfolgsfall ist nicht sicher, dass die Geier ihre angestammte Aufgabe als Totengräber der Parsen wieder übernehmen können:

In der Humanmedizin ist der Wirkstoff Diclofenac unter dem Namen VOLTAREN nicht weniger verbreitet als bei Rindern. Ein Medikament, auf das wohl nicht einmal die Parsen selbst verzichten wollen. Bei aller Liebe für die Geier.

1 seda sertar 2013i Schlechte Aussichten für die Geier

Währenddessen steigt der Druck auf die Parsen, ihre privilegierte Nachbarschaft weniger beeinträchtigende Alternativen zu ihrem jahrtausendealten Bestattungsritual zu wählen, welches doch elementarer Bestandteil ihrer Religion und kulturellen Existenz ist. Doch verschiedene in der Gemeinschaft der Parsen zwischen orthodoxen und liberalen hoch umstrittene Versuche, die Leichname mittels verschiedener Chemikalien schneller verwesen oder mittels Sonnenreflektoren trocknen zu lassen, erwiesen sich als bestenfalls bedingt tauglich oder konnten sich nicht durchsetzen. Mit für die Parsen weitreichenden Folgen. So hat die Parsi-Gemeinde im indischen Bundesstaat Gujarat mittlerweile als erste - und gegen das Votum ihrer fünf Priester - die Bestattung ihrer “unreinen” Verstorbenen in der “heiligen” Erde gestattet - weiterer kultureller Sprengstoff für diese kleine Gemeinschaft.

Über Funeria:

Wir vom Bestattungshaus Funeria verbinden die Qualität und Pietät traditioneller Bestatter mit der Transparenz und Kundenfreundlichkeit der heutigen Zeit. Der Tod ist Teil des Lebens - holen wir ihn aus dem Dunkeln!

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