Bestattungskultur
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Melchior Schramm
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Himmelsbestattung bei den Parsen Teil 01 - Tierische Totengräber

ParsenHochzeit Parsen in traditioneller Tracht bei einer Hochzeit

Die winzige indische Volksgemeinschaft der Parsen stammt ursprünglich aus Persien (nomen est omen), von wo aus sie im Zuge der Islamisierung zwischen 800 und 900 n.Ch. ostwärts in das heutige Indien und Pakistan übersiedelte. Die Parsen praktizieren nicht nicht nur die älteste monotheistische Religion, sondern auch eines der außergewöhnlichsten Bestattungsrituale der Menschheit - die sogenannte “Himmelsbestattung”. Hinter diesem romantisch anmutenden Begriff verbirgt sich ein Bestattungsritual, das zart besaiteten Gemütern kalte Schauer über den Rücken jagd:

pumabg-60034 Denn bei den Parsen übernehmen traditionell Aasgeier den Part der Totengräber.

Dafür wird der Verstorbene gereinigt, in ein rituelles weißes Tuch gewandet und von den Bestattern auf einer Bahre zu den “Dachma”, den “Türmen des Schweigens” getragen. Auf diesen Türmen werden die Verstorbenen wieder entkleidet, auf spezielle Gitterkonstruktionen gelegt und damit “der Obhut” der Geier überlassen.

BombayTempleOfSilenceEngraving Gravur eines Dachma in Mumbai

Diese auch Dekarnation (lat. für “Entfleischung”) genannte Bestattungsmethode kultivieren die Parsen nicht exklusiv, auch im buddhistischen Tibet und bei schamanischen Volksgruppen der Mongolei ist sie verbreitet. Geradezu exemplarisch für die Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Tradition und Moderne ist jedoch das Schicksal der indischen Parsen und ihrer über Jahrtausende zuverlässigen Totengräber - der Aasgeier.

Heute leben nur noch weniger als 100.000 Parsen in Indien, der Großteil davon in der Metropole Mumbai, wo sich momentan das große zivilisatorische Drama um eine tierische Symbiose abspielt:

Denn für die Parsen sind die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser, Luft heilig und dürfen nicht mit den als unrein geltenden menschlichen Leichnamen in “verunreinigt” werden. Dies verbietet den Parsen sowohl die Beerdigung als auch die Verbrennung oder Seebestattung Verstorbener und ist seit Jahrtausenden die Geschäftsgrundlage ihrer tierischen Totengräber.

Dass die Abermillionen heiligen Kühe im mehrheitlich hinduistisch geprägten Indien von Menschen weder getötet noch verzehrt werden, sorgte seit jeher für ein üppiges Nahrungsangebot für die ebenfalls riesige indische Geierpopulation, welche die Totengräber für die kleine Gemeinschaft der Parsen und die “Versorgung” derer Verstorbener sicher stellte. Diese einzigartige Symbiose währte bis in die 90er Jahren, als eine verhängnisvolle zivilisatorische Errungenschaft Einzug in die indische Viehzucht hielt:

Diclofenac zerstörte binnen weniger Jahre quasi die gesamte indische Geierpopulation.

Der flächendeckende Einsatz des Medikaments Diclofenac, einem weit verbreiteten Schmerzmittel und Entzündungshemmer, der - wie so häufig - erst in der nächsthöheren Stufe der Nahrungskette seine fatale Wirkung entfaltet. Er zerstörte Nieren und Fortpflanzungsfähigkeit der die Rinderkadaver verzehrenden Geier, und binnen weniger Jahre quasi die gesamte indische Geierpopulation.

Indischer Geier Vom Aussterben bedroht: Der Indische Geier © Yann Forget / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0.

Von einst geschätzten 400 Millionen (sic!) indischen Geiern sind nur wenige Tausend übrig. Tragisch für die Geier, nicht weniger tragisch jedoch auch für Parsen, denen quasi über Nacht ihre seit Jahrtausenden treuen Totengräber abhanden kamen.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Parsen versuchen, trotz Geiersterben ihre Tradition zu schützen.

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