Bestattungskultur
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Melchior Schramm
Editor

Die fantastischen Särge der Ga

Eine riesige Cola-Flasche. Daneben ein kleines Flugzeug aus Holz, gegenüber eine überdimensionale Chili. Hintereinander aufgezählt scheinen diese Objekte in keiner Verbindung zu stehen. Doch trifft ein Reisender diese unwahrscheinliche Kombination in einer Schreinerei in Ghana an, kann er sich ziemlich sicher sein, dass sie eines gemeinsam haben: Es handelt sich um Särge.

The Master with the Cobra coffin. Throwback 2002

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Hier in Europa setzen wir unsere Verstorbenen in Särgen bei, die einem klassischen Muster folgen: Ein hölzerner Quader, mit vier oder sechs Griffen, mal verziert, mal schlicht - wenn wir einen Sarg sehen, erkennen wir ihn. In Ghana ist das nicht so einfach. Denn dort ist in den 30er Jahren die Tradition entstanden, nach welcher Verstorbene in liebevoll handgefertigten Nachempfindungen von Objekten bestattet werden, die an Anekdoten aus ihrem Leben, ihre Persönlichkeit oder ihren Beruf erinnern. Diese ausgefallenen Särge werden auch “Fancy Coffins” oder “Fantasy Coffins” genannt, und Ihre Verwendung ist in dem Land in Westafrika sehr beliebt.

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So lassen sich Fischer häufig in Fischen oder Booten bestatten, Architekten in Häusern und Handwerker in ihren Werkzeugen, doch den Formen sind keine Grenzen gesetzt. Spinnen, Gewehre, Kameras, Schachbretter - die Kreativität und das Detailreichtum der Figurensärge sind erstaunlich. Sogar einen “Centre-Pompidou-Sarg” gab es bereits. Doch woher kommt dieser ausgefallene Trend?

Beim Volk der Ga, welches unter anderem in Ghana ansässig ist, kam in den dreißiger Jahren die Mode der “figürlichen Sänften” auf. Dabei handelt es sich um aufwändig gestaltete Sänften, in welchen sich die Oberhäupter der unterschiedlichen Clanfamilien, sogenannte Chiefs, bei feierlichen Anlässen präsentierten und herumtragen ließen. Diese Sänften stellten häufig das Clantotem dar oder Objekte, die bedeutende Momente aus der Familiengeschichte repräsentierten. Sie galten als Statussymbole und spielten eine wichtige Rolle für den Status und die Identität eines Clans. Oft waren diese Sänften geformt wie Tiere, etwa Adler oder Löwe, aber auch Pflanzen und andere Gegenstände waren üblich.

A performance and a procession with the African Golden Eagle .

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Die oben beschriebenen “Fancy Coffins” sind aus dieser Mode entstanden, wie die Schweizer Ethnologin Regula Tschumi beschreibt. Auf ihren Reisen durch das Land hat sie sich intensiv mit der Kultur der Ga beschäftigt. Dabei hat sie beobachtet, dass die Ga Initiationsritus und Bestattung als komplementäre Ereignisse im Leben eines Oberhaupts betrachteten, als Anfang und Ende des Amtes. Und da figürliche Sänften bei der feierlichen Einweihung eines Clanoberhaupts eine große Rolle spielten, wurden sie später folgerichtig auch in ihnen begraben.

Doch die Sänfte eines “Chiefs” stellt für die Ga ein heiliges Objekt dar, welches nicht begraben werden darf. Aus diesem Grund wurden die Chiefs nicht in den eigentlichen Sänften bestattet, sondern in Kopien: Für die Bestattungen wurden Särge hergestellt, welche die Form der Sänfte nachempfanden. Dies waren die ersten Formen der Sargkunstwerke, wie sie heute Verwendung finden.

Ghanaian Chilli pepper shaped coffin

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Schell gewannen diese farbenfrohen und interessanten Särge an Beliebtheit beim Rest der Bevölkerung, unter anderem auch bei der christlichen Gemeinde. Jedoch waren Särge in Form von heiligen Familiensymbolen den “Chiefs” alleine vorbehalten. Damit auch einfache Bürger sich in kunstvollen Sargkreationen bestatten lassen konnten, begannen findige Schreiner Särge in allen möglichen nicht kulturell besetzten Formen herzustellen - der Anfang der Tradition der “Fancy Coffins” in Ghana.

Zwei dieser Schreiner waren Ataa Oko und Kane Kwei, die beide unabhängig voneinander als Erfinder des “Fancy Coffins” gelten. Beide haben ihre ganz eigene Geschichte, wie sie dazu kamen, Särge in außergewöhnlichen Formen zu bauen. Ataa Oko erzählt, dass er von einem Traum zu seinem ersten Figurensarg inspiriert wurde, einem Krokodil, welches für die Frau eines verwandten Oberhauptes bestimmt war. Nach der Fertigstellung waren Okos Verwandte jedoch ganz und gar nicht begeistert und warnten ihn, dass er von einem Krokodil gefressen werde, sollte er weiter solche Särge bauen. Doch Oko ließ sich nicht beirren und träumte weiter - es folgen Häuser, Stühle, Kanus und Vögel, und er verdiente fortan seinen Lebensunterhalt als Sargbauer.

Auch die Karriere von Kane Kwei begann mit einem Traum - dem seiner Großmutter. Diese hat sich immer gewünscht, einmal mit einem Flugzeug zu fliegen, doch sie starb, bevor sie die Gelegenheit hatte, ihren Fuß in eines zu setzen. Kwei, zu dem Zeitpunkt junger Schreiner, erinnerte sich daran und fertigte seiner Großmutter einen Sarg in Form eines Flugzeugs, um ihren Traum posthum zu erfüllen.

Die Sargschreinerei in von Kane Kwei in Ghana

Sowohl Okos und als auch Kweis Särge fanden viel Anerkennung, und sie schafften es, nicht nur in Ihrer Heimat zu Bekanntheit zu gelangen, sondern auch international auf den Plan zu treten: Beide haben seit den 60er Jahren auf zahlreichen Ausstellungen in den USA, England, Frankreich und Deutschland ausgestellt und erfolgreich ihre Särge als Kunstwerke etabliert, die hohe Preise erzielen.

Die Tradition der Beiden wird heute von der nachfolgenden Generation weitergeführt. Einer der bekanntesten temporären Sargkünstler ist Paa Joe, der in den 70ern seinen ersten Sarg baute - ein Haus für einen Immobilienhändler. Joe hat die Kunst der Figurensärge über zehn Jahre bei Kane Kewi, seinem Onkel, gelernt. Ihm gelang es auch, den Erfolg weiterzuführen: In der Vergangenheit hatte Paa Joe hochkarätigen Besuch in seiner Werkstatt. Kofi Annan, der frühere UN-Generalsekretär schaute vorbei, so wie Jimmy Carter, ehemaliger US-Präsident, welcher nach Joes Aussage gleich zwei Särge in Auftrag gab. Joe ist zudem auch Gegenstand einer Dokumentation, welche 2016 das erste mal ausgestrahlt wurde - Pa Joe and the Lion.

A Mini Nikon

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A sewing machine Miniature Fancy coffin

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Ghanaian shaped Walkman coffin

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Ghanaian syringe shaped coffin

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Single bar Gun Coffin

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